17. November 2010

Aurafreie Zone





An alle Experten für Fotokultur


Wir suchen Bilder für das 21. Jahrhundert. Manch einer will dem Terror der Bilder aus dem Weg gehen und lenkt den Blick der Betrachter dann – wie ich – in seiner fotografischen Arbeit auf eine mehr oder minder „abstrakte“ Formensprache. Das bringt den Vorteil mit sich, dass Betrachter erst einmal „nichts sehen“, wodurch sie unheimlich viel Zeit gewinnen zur Reflexion über das Verhältnis zwischen vermeintlicher und vorläufiger Ungegenständlichkeit des ersten Wahrnehmungseindrucks. Leider Gottes greifen viele Laien im Zuge der Bildbefragung zu dem vorschnellen Urteil „Abstraktion“ , „abstrakte Kunst“ bzw. „Abstrakte Fotografie“.
Doch diese Anstalten führen in die Irre. Ist doch die Tradition (selbst der avantgardistischsten) Fotografie weiterhin einem Realismus- bzw. Naturalismusanspruch verpflichtet, was sich zum einen aus der Technik der Lichtschrift zwangsläufig ergeben muss, um zum anderen gestützt zu sein durch den neurophysiologisch-anatomischen Sachverhalt, dass unser „Gehörn“ notwendig Komplementaritäten konstruiert: Sind die Funktionen im Gehörn „abstrakt“ oder „simuliert“, nur weil sie niemand unmittelbar beschauen kann?

Entsprechungen zwischen Bild und Abbild bzw. Analogien zwischen äußerlichen Bildzeichen und inneren Visionen der Betrachter sind es, die ich mit meinem Verständnis von Bildlichkeit realisierbar erscheinen lassen möchte. Spielt der Betrachter dieses Spiel der Korrespondenzen mit, wird er mutmaßlich erkennen können, dass die Vervollständigung des Bildes in oder an ihm das eigentlich konstruktive Element darstellt – eine Heidenarbeit! Alles andere wäre wirklich abstrakt!
Mein Schaffen bietet Vor-Stellungen im „konstruktivistischen“ Gestus, Wahrnehmungsanlässe zur Selbst-Verständigung über die Bedingung der Möglichkeit von Bildlichkeit im Medium Fotografie.
Ich erweitere mit meinen abfotografierten Motivvorlagen den Horizont von Ungegenständlichkeit, der sich aber in der Dunkelkammer des Betrachters wieder auflöst, sofern er das in Aussicht gestellte Versprechen des Mediums als Lebenslüge seiner eigenen Konstruktionsbedingungen durchschaut: Ist nicht jede Wieder-Erinnerung an ein Motiv eine „Re-Produktion“? Wir betrachten, wenn wir uns nicht auf das „alte Medium“ Malerei stützen, Reproduktionen von Reproduktionen, frei von Aura. Wenn Auratisierung überhaupt noch stattfindet, dann über Personenkult. Doch diese massentauglicheren Erscheinungen unserer Zeit, die sich durch konkretere Motive, reanimierte Porträts abzeichnen, haben dafür andere Mängel – sie sind vom Schlag-Wort abhängig, sonst bilden sie keinen Gegenstandsbereich.

Ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin der Kölner Moses der Neuen Fotografie – ich teile das Meer der Bilder in Reproduktionen und Reproduktionen von Reproduktion. Denn ich gehe ein auf das Bedürfnis nach Glaubwürdigkeit eines Bilddokuments mit evidentem Realitätsbezug – mit meiner „s/w-Pop-Kultur“ gelingt es mir womöglich, das Bedürfnis aller Simulationsgeschädigten zu befriedigen, nämlich „echten Augenschein“ zu bieten, ohne einer dümmlichen Authentizitätsverheißung zu erliegen. Daher verwehre ich mich gegenüber jeglicher Verpflichtung auf Herstellung von Aura bzw. auratischen Heilsgebilden – lang lebe die Reproduktion!
Also aufgepasst, Ihr Ikonodulen: Ein medienkompetenter Zeitgenosse muss heutzutage Bescheid wissen über das Zusammenspiel von „Evidenzkritik und Evidenzerzeugung“ (Bazon Brock)! Wer sich nicht selbst einer Kritik des Sehens unterwirft, kann den Anspruch meiner Arbeiten nicht würdigen! Denn diese ist in einem antiken Sinne eminent „theoretisch“, da „theoria“ eigentlich „reflexive Schau“ bedeutet. Wer sich zu dieser Praxis der theoria nicht geeignet fühlt, möge andernorts weiterglotzen – und wird vor lauter Unmittelbarkeit überhaupt nichts sehen.

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